Die duale Berufsbildung aus verschiedenen Blickwinkeln
Unternehmerische Aspekte der dualen Berufsbildung
20.01.2017: Der indonesische Industrieminister Hartarto wird von einem Flugzeugmechanik-Lehrling durch den Betrieb von SR Technics am Flughafen Zürich geführt.
Was geschieht, wenn ein 17jähriger Lehrling dem indonesischen Industrieminister die Firma in bestem Englisch erklärt? Der Industrieminister geht nach dem Firmenbesuch und nach dem WEF zurück nach Jakarta und berichtet voller Begeisterung vom einmaligen System der schweizerischen dualen Berufsbildung. Die Folgen dieses Besuchs stehen als Meilenstein in der Entwicklungsphase einer dualen Berufsbildung in Indonesien. Der Staat hat die Chancen eines solchen Ausbildungskonzepts verstanden und pusht nun die Polytechnics, begrüsst die bestehenden Projekte ATMI Cikarang (von Jesuiten initiiert, mit SITECO-Unterstützung weiterentwickelt) und APII. Die Schwierigkeit in allen Ländern ist der Übergang von der Schule/Universität in die Berufswelt.
Die duale Berufsbildung führt Jugendliche früh in die Arbeitswelt ein, sie wachsen in diese Welt hinein; diese Arbeitswelt ist in 95% der Fälle ein Unternehmen, sie sind Teil der Unternehmenskultur, sie verstehen in Theorie und Praxis, was ein Unternehmen ausmacht. Das Modell prägt die Mentalität. Die heutige duale Berufsbildung in der Schweiz arbeitet vielerorts stufengerecht von
Stufe 1 mit Ausrichtung auf die Ausbildungs- und Curriculum-Inhalte über
Stufe 2 mit verstärkter Produkt-Orientierung zu
Stufe 3 mit Schwerpunkt Projektmethode und Projekt-Realisierung zu
Stufe 4, der Aufgaben-Orientierung, d.h. Planung und Realisierung komplexer Aufgaben.
Unsere Unternehmen haben das System der Nachwuchsförderung perfektioniert, der Auszubildende ist zwar Teil der Unternehmung, aber (zu) wenig in der Unternehmungsführung geschult. Trotzdem, ein Auszubildender im Gärtner-Beruf lernt heute, wie ein Verkaufsgespräch zu führen ist, wie ein Kleinbetrieb zu managen ist, wie eine Produkte-Empfehlung aussieht.
In Schwellen- und Entwicklungsländern läuft der Prozess ursprünglich von einem anderen Ausgangspunkt her. Es gibt in allen Ländern «eine Art Berufsbildung» – vergleichbar mit unserem mittelalterlichen System der Zünfte – der Lehrling lernt alles von seinem Meister, eben auch wie man das Geschäft führt. «Das Geschäft» ist in den Klein-betrieben Schwarzafrikas die Tages-Kasse, und diese wird von der Mutter oder der Grossmutter geführt. Selbstverständlich wird der Markt beobachtet, die Frauen sind da besonders talentiert, aber eine übergreifende Theorie fehlt. In Ghana spricht man von «Mama Benz», weil sie auf dem Markt in Kumasi so erfolgreich ist, dass sie neben dem Unterhalt der Familie auch einen schönen Mercedes betreiben kann. Aber das «Mama Benz»-Konzept hat nicht Eingang in ein Ausbildungssystem gefunden. Dem Nachwuchs fehlt es diesbezüglich nicht an Praxis, den Skills, wohl aber an Theorie (Knowledge), es fehlt am Wissen um Planung, um Marketing, Rechnungslegung, HR, Qualitätsnormen, vor allem am Wissen um eine langfristige Planung einer Unternehmung.
Die Herausforderung für die Entwickler der dualen Berufsbildung in Entwicklungsländern ist das Fehlen von richtigen «Unternehmungen». Deshalb müssen die Bemühungen der Wirtschaftsentwicklung auf Unternehmungsentwicklung mit der eigenen Bevölkerung fokussieren. Beleg: Denkt man sich die Mikrounternehmungen (1-9 Beschäftigte) in der Schweiz weg, bleiben von 592’695 Unternehmungen gerade noch 61'196 übrig (Bundesamtes für Statistik, 2018). In den 531'499 Mikrounternehmungen mit 1'161'669 Beschäftigen werden 75'160 Lehrlinge ausgebildet. Das Modell Schweiz zeigt das Spielfeld für Schwellen- und Entwicklungsländer auf: Entwicklung der KMU!
Das ideale Entwicklungsmodell für viele Länder ist eine Kombination von Unternehmensentwicklung gleichzeitig mit der Einführung der dualen Berufsbildung; der «Boss» macht Weiterbildung, der Azubi die Lehre. Die ZHAW – Departement Business and Law – und SITECO haben ein solches Modell als Antwort auf eine SECO-Studie für Ghana ausgearbeitet. Wir schlagen vor, 100 Familien-Boutiquen zu Unternehmungen zu entwickeln, gleichzeitig in diesen Betrieben 200 Lehrlinge auszubilden. Im Konzept drin ist ein Modul „unternehmerische Geschäftsführung“. Das trägt zu einem gewandelten Mindset bei, der in gewissen Kreisen akademisch ausgebildeter Funktionäre in der Schweiz völlig verloren gegangen zu sein scheint, nämlich, dass die Wertschöpfung in der Wirtschaft stattfindet, und dass der Schaffung von Jobs mit Wertschöpfung-Potenzial grosse Priorität zukommt. Die Implementierung von unternehmerischen Ansätzen in der dualen Berufsbildung in Schwellen- und Entwicklungsländern führt zu einer Entwicklung im Mindset junger Leute bei, einige junge Leute werden von Job-Nachfragern zu Job-Anbietern.
Stand der Berufsbildung in Indonesien
Juli 2019: Empfang der SITECO-Delegation im HQ von SinarMas, einem der grössten Industriekonzerne Indonesiens, durch den VRP/CEO, Botschafter Hadad und die Schulleitungen der zu untersuchenden Polytechnics ITSB und Simas Berau
Indonesien entwickelt sich vom Schwellen- zu einem bedeutenden Industrieland mit einer riesigen Bevölkerung von 280 Mio. Einwohnern (viertbevölkerungsreichstes Land der Welt). Der Bedarf an industriellen Fachkräften steigt enorm, weshalb die Regierung seit Jahren der Entwicklung des Berufsbildungssystems höchste Priorität einräumt. Man orientiert sich dabei am «dualen» Ausbildungsmodell, welches u.a. in der Schweiz seit Generationen mit Erfolg praktiziert wird.
SITECO ist daher als «Botschafterin» der schweizerischen Berufsbildung bei Ministerien, Berufsschulen und Unternehmen sehr willkommen und realisiert verschiedenste Entwicklungsprojekte. 2012 wurde ein neues Mechatronikzentrum in Cikarang, Jakarta realisiert, 2015 die Schulen-Industrieplattform «APII Association of Polytechnics and Industry Indonesia» initiiert, 2017 auf dem Campus in Cikarang ein Studentenwohnheim errichtet sowie in der Schweiz und Österreich ein Weiterbildungsprogramm für indonesische Berufsschullehrer organisiert, seit 2018 zusammen mit Swisscontact und der Berner Fachhochschule das mehrjährige SECO-finanzierte Schulentwicklungsprogramm «S4C Skills for Competitiveness» für fünf Polytechnics im ganzen Lande in Angriff genommen und 2019 im Auftrag von SinarMas, einem der grössten Industriekonzerne im Lande, die Schulentwicklung von 2 konzerneigenen Polytechnics initiiert.
Der Durchbruch zu einem funktionierenden dualen Berufsbildungssystem, bei welchem die praktische Ausbildung zu rund 60% in den Unternehmen, unter der Leitung von ausgebildeten Lehrmeistern erfolgt, steht noch bevor. Berufsschulen, Ministerien und Unterstützungsorganisationen wie SITECO haben noch die Hürde zu nehmen, dass Unternehmen Praktikanten und Lehrlinge unter ihre Fittiche nehmen und anerkennen, dass die Berufsbildung im Unternehmen diesem selbst enorme Vorteile bringt, was in der Schweiz als Selbstverständlichkeit angesehen wird (Lehrlingsausbildung rentiert direkt, und ist die beste Nachwuchsförderung für das Unternehmen). Die Entwicklung in Indonesien hin zum Durchbruch erscheint zur Zeit vielversprechend.